The National Times - Mehrere Ministerpräsidenten fordern komplette Rücknahme der Agrar-Kürzungen

Mehrere Ministerpräsidenten fordern komplette Rücknahme der Agrar-Kürzungen


Mehrere Ministerpräsidenten fordern komplette Rücknahme der Agrar-Kürzungen
Mehrere Ministerpräsidenten fordern komplette Rücknahme der Agrar-Kürzungen / Foto: © AFP

Angesichts der wütenden Proteste von Landwirten bundesweit haben mehrere Ministerpräsidentinnen und -präsidenten eine komplette Rücknahme der finanziellen Kürzungen gefordert. Regierungssprecher Steffen Hebestreit wies das am Montag zurück, das Kabinett verabschiedete die Kürzungen beim Agrardiesel. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) forderte in einem mehr als achtminütigen Video eine Debatte über die strukturellen Probleme der Landwirtschaft und rief dazu auf, gewaltfrei zu demonstrieren.

Textgröße ändern:

Die Rücknahme der Kürzung verlangten etwa die Regierungschefin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) und der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil. Schwesig erklärte in Schwerin, die finanzielle Unterstützung der Landwirtschaft diene auch dazu, dass Lebensmittel bezahlbar blieben. Rehlinger sagte der "Rheinischen Post", die Landwirte könnten die Kürzungen beim Agrardiesel nicht "von jetzt auf gleich einkalkulieren". Eine Alternative zum Dieselkraftstoff gebe es für Traktoren "zumindest kurzfristig" nicht.

Weil sagte im ZDF-"Morgenmagazin", die bis 2026 geplante schrittweise komplette Streichung des Agrardiesel sei gerade für kleinere Betriebe eine "arge Belastung". Bei den Protesten gehe es den Landwirten auch darum, wie es mit den landwirtschaftlichen Betrieben weitergehen könne. "Was eigentlich ansteht, ist eine in sich schlüssige Gesamtstrategie der Landwirtschaftspolitik, auf die Landwirte jetzt schon 20 Jahre warten."

Regierungssprecher Hebestreit betonte, es gebe "keine Überlegungen" in der Bundesregierung, die Beschlüsse im Agrarbereich noch einmal zu ändern. Vielmehr gebe es jetzt einen Kabinettsbeschluss.

Die Regierung hatte angesichts massiver Proteste der Landwirte vergangene Woche einen Teil ihrer Kürzungspläne im Agrarbereich zurückgenommen: Die Begünstigung bei der Kraftfahrzeugsteuer für Forst- und Landwirtschaft soll anders als geplant erhalten bleiben. Beim Agrardiesel soll die Steuerbegünstigung erst bis 2026 vollständig fallen. Im laufenden Jahr soll sie um 40 Prozent gekürzt werden, in den Folgejahren dann um jeweils 30 Prozent.

Wirtschaftsminister Habeck verwies in seiner Videoansprache auf seine sechs Jahre als Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein. Er habe in der Zeit "viele Betriebe besucht und noch mehr Gespräche mit Bäuerinnen und Bauern geführt". Sie wirtschafteten "unter einem mächtigen ökonomischen Druck, dem Preisdruck durch die Discounter, der großen Schlachthöfe und Molkereien, dem schwankenden Weltmarkt".

Es gebe gute und schlechte Jahre, "aber vor allem gibt es ein strukturelles Problem": Bauern könnten ihre Produktionskosten oft nicht weitergeben, weil die Preise nicht von ihnen gemacht werden. "Es muss also immer mehr produziert werden." So würden die Höfe immer größer, die kleinen Höfe verschwinden. "Strukturwandel nennt man das, es ist die Industrialisierung der Landwirtschaft." Als Indikator für den Fortschritts in der Landwirtschaft gelte auch dem Deutschen Bauernverband der Strukturwandel, übersetzt also das Höfesterben. Das sei die Logik des Systems.

Es gebe aber "auch andere Antworten", betonte Habeck: faire Preise, gute Bezahlung für anspruchsvolle Arbeit, für Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Tierschutz, direkte Vermarktung. "Meiner Ansicht nach sollte man die Debatte jetzt nutzen, um ernsthaft und ehrlich genau darüber zu diskutieren."

Der Minister war vergangene Woche in Schleswig-Holstein von Demonstrierenden daran gehindert worden, eine Fähre zu verlassen. Ein Gespräch kam nicht zustande.

In seinem Video kritisierte Habeck nun, dass die "Erfahrung der letzten Demonstrationen" gezeigt hätten, dass nicht alle gewaltfrei und friedlich demonstrieren wollten. "Wenn an Traktoren Galgen hängen, wenn Traktorkolonnen zu privaten Häusern fahren, dann ist eine Grenze überschritten. Von der Verrohung in den sozialen Medien gar nicht zu sprechen, wo häufig unter der Feigheit von irgendwelchen Decknamen Gewaltaufrufe verbreitet werden."

Es sei ein Wesenszeichen der liberalen Demokratie, dass sie auch ihren Gegnern Platz gebe. "Aber unser Grundgesetz setzt Verfassungsfeinden Grenzen." Wer die Demokratie zersetzen wolle, müsse dafür mit den Mitteln des Rechtsstaats zur Rechenschaft gezogen werden. Habeck rief auch zur Zivilcourage auf. "Diese Republik ist der beste Staat, den Deutschland je hatte. Wir müssen für sie einstehen."

Sicherheitsbehörden haben vor einer möglichen Unterwanderung der Bauernproteste gewarnt. Auch andere Politiker riefen die Landwirte dazu auf, die Protest im rechtsstaatlichen Rahmen zu halten.

F.Jackson--TNT

Empfohlen

Israelische Siedler greifen AFP-Journalisten an und verletzten einen Fotografen

Israelische Siedler haben am Dienstag zwei Journalisten der Nachrichtenagentur AFP im besetzten Westjordanland angegriffen und einen von ihnen verletzt. Die Fotografen Jaafar Ashtiyeh und John Wessels wurden nach eigener Aussage zunächst von einem Quad aus beschossen. Anschließend schlugen mehrere Männer mit ihren Schusswaffen auf Ashtiyeh ein, der mit Prellungen an Kopf und Oberkörper ins Krankenhaus kam.

AfD stellt in Sachsen-Anhalt bundesweit ersten Landtagspräsidenten

Zum ersten Mal in Deutschland ist mit dem Abgeordneten Tobias Rausch in Sachsen-Anhalt ein Politiker der in Teilen rechtsextremistischen AfD zum Landtagspräsidenten gewählt worden. Der 35-Jährige erhielt am Dienstag im Magdeburger Landtag 48 Stimmen und damit neun Stimmen von außerhalb seiner eigenen Fraktion. Auch sein Stellvertreter von der AfD, Hans-Thomas Tillschneider, wurde von anderen Abgeordneten mitgewählt. Oppositionsparteien sprachen von einem "schwarzen Tag für den Parlamentarismus" in Deutschland.

Empörung über mutmaßlichen Trump-Aufruf an den Iran zur Auslöschung von US-Städten

US-Präsident Donald Trump hat mit Äußerungen zu möglichen Angriffen des Iran auf die US-Metropolen Los Angeles und San Diego für Empörung gesorgt. "Sollen sie doch Los Angeles auslöschen, sollen sie doch San Diego auslöschen", sagte Trump am Montag bei einer Wahlkampfveranstaltung. Dies sei "ein sehr kleiner Preis". Die oppositionellen Demokraten, die den Bundesstaat Kalifornien regieren, in dem Los Angeles und San Diego liegen, warfen Trump vor, Teheran zu einem Angriff auf die beiden Städte zu ermutigen.

Hunderttausende bei Schülerprotesten in Frankreich auf den Straßen

Unterstützt von Gewerkschaften haben sich in Frankreich am Dienstag hunderttausende Menschen an den seit Wochen andauernden Schülerprotesten beteiligt. Nach Gewerkschaftsangaben gab es landesweit Kundgebungen mit insgesamt 450.000 Menschen Teilnehmern, davon 100.000 allein in Paris. In mehreren Städten kam es zu Ausschreitungen, bei denen die Polizei Tränengas und Wasserwerfer einsetzte.

Textgröße ändern: