The National Times - Nepals Sturzflut zeigt wachsende Gefahren auch für die Alpen

Nepals Sturzflut zeigt wachsende Gefahren auch für die Alpen


Nepals Sturzflut zeigt wachsende Gefahren auch für die Alpen
Nepals Sturzflut zeigt wachsende Gefahren auch für die Alpen

Nach der verheerenden Sturzflut in Nepal warnt die ETH-Glaziologin Mylène Jacquemart vor zunehmenden Murgang- und Hochwasserrisiken in der Schweiz. Das Land ist jedoch besser überwacht und verfügt über mehr Schutzmittel.

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Die Sturzflut, die sich in Nepal über nahezu 170 Kilometer talwärts bewegte und ganze Dörfer zerstörte, wurde nach der bisherigen Einschätzung von Fachleuten durch einen großen Bergsturz ausgelöst. Auf dem abbrechenden Felspaket lag eine Gletscherzunge, die von der Masse mitgerissen wurde. Die ETH-Glaziologin Mylène Jacquemart ordnet das Ereignis als Kombination aus Fels, Eis, Sediment und Wasser ein.

Das abgestürzte Felspaket war nach Schätzungen zehn- bis vierzigmal größer als beim Bergsturz von Blatten im Vorjahr. Auf dem Weg durch das Tal nahm die schnell fließende Masse weiteres Gestein, Ablagerungen und Flusswasser auf. Weil sie sich schneller als das Wasser in den Flüssen bewegte, konnte ihr Volumen weiter anwachsen. Dies dürfte die außergewöhnliche Reichweite und Zerstörungskraft erklären.

Die Flut ereignete sich am Mittwoch, 26. August, nahe der tibetischen Grenze. Mindestens 500 Menschen kamen ums Leben, zahlreiche Angehörige suchten weiterhin nach Vermissten. Wichtige Infrastruktur und mehrere Siedlungen wurden zerstört.

Nach Einschätzung Jacquemarts muss auch die Schweiz künftig tendenziell häufiger mit Murgängen und Fluten rechnen, die bewohnte Gebiete gefährden können. Ein großer Bergsturz ist dafür nicht zwingend erforderlich. Häufigere Starkniederschläge können ausreichen, wenn sie auf große Mengen lockeren Gesteins treffen. Wie schwer die Folgen werden, hängt außerdem von der Lage und Sicherung der Infrastruktur ab. Klimaszenarien müssten deshalb in Planung und Gefahrenkarten einbezogen werden.

Die grundlegenden Prozesse im Himalaya und in den Alpen ähneln sich: Instabile Fels- oder Eismassen können abbrechen und auf ihrem Weg zusätzliches Material sowie Wasser mitreißen. Im Himalaya sind die Dimensionen häufig größer, weil die Berge höher, die Gletscher mächtiger und die Täler länger sind. Hinzu kommen die intensiven Niederschläge des Monsuns.

Auch die Schweiz kennt Ereignisse, bei denen ein Bergsturz eine Flutwelle auslöste. 1806 brachen nach starken Regenfällen am Rossberg bei Goldau im Kanton Schwyz schätzungsweise 26 Millionen Kubikmeter Fels ab. Zwei Dörfer wurden ausgelöscht, 457 Menschen und 323 Tiere starben. Augenzeugen berichteten von einer rund 20 Meter hohen Welle im Lauerzersee, die Gebäude am Ufer mitriss.

Für die heutige Gefahrenvorsorge sieht Jacquemart die Schweiz im Vorteil. Das Land ist klein und dicht besiedelt, sodass Risikogebiete oft engmaschiger kontrolliert werden können als die weitläufigen und schwer zugänglichen Bergregionen Nepals. Zudem stehen mehr Geld, technische Messsysteme, Fachpersonal und Forschungskapazitäten für Überwachung und Schutzmaßnahmen zur Verfügung.

Vollständig erfassen lassen sich die Veränderungen dennoch nicht. Gerade im Hochgebirge ziehen sich Gletscher zurück, Permafrost taut und neue Seen entstehen. Dieses abgelegene, steile Gelände ist zugleich besonders schwer zugänglich. Ereignisse wie Bondo und Blatten haben gezeigt, dass auch in der Schweiz dynamische Hochgebirgsräume nicht überall lückenlos überwacht werden können.

Bleibt die Erwärmung auf dem heutigen Kurs, rechnet die Glaziologin gegen Ende des Jahrhunderts mit weitgehend eisfreien Alpen. Dann wären deutlich mehr Gletscherseen, frei liegendes Lockermaterial und zusätzliche Felsinstabilitäten zu erwarten. Diese veränderte Landschaft müsse frühzeitig in Risikoanalysen und Schutzkonzepte einfließen.

Die Nähe von Siedlungen und Verkehrswegen zu möglichen Abflussbahnen entscheidet mit darüber, wie groß ein Schaden wird. Schutzbauten, Sperrungen und Evakuierungen können Risiken mindern, setzen aber voraus, dass gefährliche Veränderungen rechtzeitig erkannt und die erwarteten Wassermengen realistisch berechnet werden.

Fachleute müssen mehrere Prozesse gemeinsam betrachten. Schwindendes Eis kann zuvor gestützte Felsflanken destabilisieren, tauender Permafrost verändert den Zusammenhalt des Gesteins, und neu entstehende Seen können zusätzliches Wasser bereitstellen. Kommt intensiver Regen hinzu, kann loses Material rasch mobilisiert werden.

Der Vergleich mit Nepal bedeutet nicht, dass in der Schweiz Ereignisse derselben Größenordnung unmittelbar bevorstehen. Er zeigt jedoch, dass vergleichbare physikalische Abläufe in unterschiedlichen Gebirgsräumen auftreten können und sich die Ausgangslage durch den Klimawandel fortlaufend verändert.

S.Collins--TNT

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