Sarkopenie früh erkennen und Muskelkraft im Alter gezielt erhalten
Sarkopenie bezeichnet einen übermässigen Verlust von Muskelmasse, Muskelkraft und körperlicher Leistungsfähigkeit. Die Erkrankung betrifft insbesondere ältere Menschen, kann durch Krankheiten oder lange Phasen der Inaktivität aber auch früher auftreten.
Sarkopenie bezeichnet einen übermässigen Verlust von Muskelmasse, Muskelkraft und körperlicher Leistungsfähigkeit. Die Erkrankung betrifft insbesondere ältere Menschen, kann durch Krankheiten oder lange Phasen der Inaktivität aber auch früher auftreten. Typische Alltagssignale sind Schwierigkeiten beim Aufstehen aus einem Sessel, beim Ausräumen einer Spülmaschine, beim Tragen von Einkäufen oder beim Treppensteigen. Ein gewisser Muskelabbau gehört zum Altern. Ohne Gegenmassnahmen verliert der Körper bereits ab ungefähr 30 Jahren jährlich nahezu ein Prozent seiner Muskelmasse; ab etwa 50 beschleunigt sich der Prozess. Weniger muskelaufbauende Hormone, eine sinkende Zahl der Nervenzellen, die Muskeln ansteuern, Veränderungen der Muskelstruktur und geringere Bewegung wirken zusammen. Von Sarkopenie sprechen Fachleute, wenn Kraft und Leistungsfähigkeit so weit zurückgehen, dass Gebrechlichkeit entsteht und alltägliche Aufgaben schwerfallen.
Schätzungen der Sarkopenie-Arbeitsgruppe am LMU Klinikum zufolge sind bei den 60- bis 70-Jährigen etwa fünf bis 13 Prozent betroffen. Unter Menschen über 80 könnte es jeder Zweite sein. Seit 2018 wird Sarkopenie als eigenständige Diagnose geführt. Die Werte verdeutlichen, dass ausgeprägter Kraftverlust nicht vorschnell als unvermeidliche Alterserscheinung abgetan werden sollte. Zu den wichtigsten beeinflussbaren Ursachen gehört Bewegungsmangel. Eine überwiegend sitzende Lebensweise, Bettlägerigkeit, längere Krankenhausaufenthalte oder Schonung nach einer Verletzung lassen Muskeln schnell schwinden. Einseitige Ernährung und eine zu geringe Eiweisszufuhr verstärken den Abbau. Appetitlosigkeit sowie Zahn- oder Schluckprobleme können im Alter dazu führen, dass Mahlzeiten kleiner und weniger ausgewogen werden.
Auch hormonelle Veränderungen spielen eine Rolle. Nach der Menopause sinkt bei Frauen etwa der Östrogenspiegel, wodurch der Muskulatur Unterstützung fehlt. Chronisch-entzündliche Krankheiten wie rheumatoide Arthritis können durch Schmerzen Bewegung einschränken; zugleich können Entzündungsbotenstoffe den Muskelabbau fördern. Manche Arzneimittel kommen ebenfalls als Risikofaktoren infrage, darunter bei längerer Einnahme Kortison sowie möglicherweise Protonenpumpenhemmer und GLP-1-Hemmer. Medikamente dürfen bei einem Verdacht aber nicht eigenmächtig abgesetzt werden; eine aktuelle Liste gehört in das Arztgespräch. Die Folgen reichen über nachlassende Kraft hinaus. Mobilität und Selbstständigkeit nehmen ab, während Sturz- und Verletzungsrisiko steigen. Häufig tritt gleichzeitig Osteoporose auf. Nach Operationen kann das Risiko für ein Delir, also einen akuten Verwirrtheitszustand, erhöht sein. Studien verbinden Sarkopenie zudem mit höherer Sterblichkeit. Angst vor Stürzen kann einen Kreislauf aus weniger Bewegung, weiterem Muskelabbau, sozialem Rückzug, Angst und depressiver Stimmung auslösen.
Angehörige können auf Veränderungen achten: Betroffene öffnen Schraubgläser schwerer, tragen Taschen nicht mehr sicher, stützen sich beim Aufstehen mit den Händen ab, ermüden bei Spaziergängen schneller oder benötigen bei der Hausarbeit mehr Pausen. Manche meiden frühere Aktivitäten und verbringen mehr Zeit im Sitzen oder Liegen. Bei Übergewicht kann der Muskelschwund verdeckt bleiben, weil der Umfang von Armen und Beinen trotz Kraftverlust kaum abnimmt. Ein einfacher Stuhltest kann einen Hinweis liefern. Dafür setzt sich die Person auf einen stabilen Stuhl ohne Armlehnen, steht fünfmal ohne Unterstützung der Arme auf und setzt sich wieder. Dauert das länger als 15 Sekunden, gilt das Ergebnis als auffällig und sollte ärztlich abgeklärt werden. Menschen mit Schwindel, Schmerzen oder ausgeprägter Gebrechlichkeit sollten den Selbsttest auslassen und direkt medizinischen Rat einholen. Der Test ersetzt keine Diagnose.
Die Hausarztpraxis beginnt häufig mit kurzen Fragen zu alltagsnahen Belastungen. Danach können Gehgeschwindigkeit und Zeit beim fünfmaligen Aufstehen gemessen werden. Ein Greifstärkemesser erfasst die Muskelkraft. Für die Muskelmasse stehen unter anderem die Bioimpedanzanalyse mit Elektroden und die Dual-Röntgen-Absorptiometrie zur Verfügung. Für eine erste Einordnung in der Hausarztpraxis reichen oft bereits die einfachen Funktionstests. Da Sarkopenie eine Folge anderer Erkrankungen sein kann, werden je nach Situation Blutwerte bestimmt. Dazu gehören Vitamin D, Schilddrüsen-, Nieren- und Leberwerte, Entzündungsparameter, Blutzucker und mitunter Hormonwerte wie Testosteron. Bei komplexen Fällen kommen Geriatrie, Orthopädie, Rheumatologie oder Neurologie hinzu. Welche Fachrichtung sinnvoll ist, hängt von Alter, Stürzen, Begleiterkrankungen sowie möglichen Muskel-, Knochen-, Gelenk- oder Nervenerkrankungen ab.
Die wichtigsten Behandlungssäulen sind die Therapie einer möglichen Grunderkrankung, gezielte Bewegung und eine Ernährung mit genügend Eiweiss und Energie. Regelmässiges Krafttraining kann Muskelmasse und Kraft aufbauen und Tätigkeiten wie Aufstehen, Treppensteigen und Einkaufen erleichtern. Das Programm muss an das individuelle Leistungsvermögen und Erkrankungen wie Demenz, Kniebeschwerden oder Bluthochdruck angepasst werden. Training unter physiotherapeutischer oder qualifizierter sportlicher Anleitung kann besonders zu Beginn sinnvoll sein. Empfohlen werden nach Möglichkeit zwei bis drei Krafttrainingseinheiten pro Woche, die Beine, Gesäss, Rücken, Brust, Schultern, Arme und Rumpf einbeziehen. Regelmässigkeit ist wichtiger als maximale Intensität. Gleichgewichts- und Koordinationsübungen ergänzen das Krafttraining, weil Bewegungen im Alltag das Zusammenspiel von Muskeln, Nerven und Gehirn verlangen. Einbeinstand oder Bewegungen auf leicht unebenem Untergrund aktivieren zusätzlich stabilisierende Muskeln.
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Menschen über 65 Jahren Krafttraining an mindestens zwei Tagen pro Woche. Hinzu kommen mindestens 150 Minuten mässig anstrengende oder 75 Minuten intensive Ausdauerbewegung. Auch zügiges Gehen, Radfahren, Treppensteigen und kurze Wege zu Fuss zählen. Wer ein solches Pensum zunächst nicht erreicht, sollte klein anfangen. Ein realistisches Programm, das in den Alltag passt und Freude macht, wird eher dauerhaft beibehalten. Für Erhalt und Aufbau der Muskulatur benötigt der Körper Protein. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung nennt für Menschen ab 65 Jahren mindestens ein Gramm Eiweiss pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Bei bestehender Sarkopenie werden häufig 1,2 bis 1,5 Gramm je Kilogramm empfohlen, verteilt auf mehrere Mahlzeiten. Bei Nierenerkrankungen oder anderen gesundheitlichen Einschränkungen muss die passende Menge individuell ärztlich abgestimmt werden.
Geeignete Proteinquellen sind Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen sowie Fisch, Fleisch, Eier und Milchprodukte. Eiweiss allein genügt nicht; entscheidend ist die Verbindung mit Training und einer insgesamt ausreichenden Energie- und Nährstoffzufuhr. Falls der Bedarf über normale Mahlzeiten nicht erreicht wird, kann nach ärztlicher Beratung Trinknahrung helfen. Auch eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D kann Muskel- und Knochenkraft unterstützen; ob ein Präparat nötig ist, lässt sich medizinisch prüfen. Praktisch ist es, zu jeder Mahlzeit eine Eiweissquelle einzuplanen. Zum Frühstück kommen Joghurt, Quark oder Eier infrage, mittags Fisch, Fleisch, Tofu oder Hülsenfrüchte und abends etwa Käse, Eier oder Hülsenfrüchte. Als Zwischenmahlzeiten eignen sich Skyr, griechischer Joghurt, Hüttenkäse, Hummus, hartgekochte Eier sowie kleine Mengen Nüsse oder Samen. Bei geringem Appetit können fünf kleinere Mahlzeiten leichter fallen als drei grosse.
Eiweisspulver kann Milch, Joghurt oder Haferbrei ergänzen, sollte aber nicht die normale Ernährung ersetzen und vorher mit der Ärztin oder dem Arzt besprochen werden. Eine einwöchige Essensnotiz kann zeigen, bei welchen Mahlzeiten Protein fehlt. Ernährungsberatung, Physiotherapie, Rehabilitationssport oder eine geriatrische Rehabilitation können abhängig vom Einzelfall weitere Unterstützung bieten; Kostenfragen sollten mit Praxis und Krankenkasse geklärt werden. Für das Training zu Hause eignen sich einfache Übungen mit stabilem Halt. Wadenheben am Stuhl, das Zurückführen eines Beins zur Kräftigung des Gesässes, seitliches Beinheben, Armbeugen mit Wasserflaschen und kontrollierte Ausfallschritte sprechen grosse Muskelgruppen an. Je nach Übung sind acht bis 20 Wiederholungen möglich. Unsichere, gebrechliche oder von Schwindel und Schmerzen betroffene Menschen sollten zunächst ärztlich klären, welche Übungen sicher sind.
Vorbeugung und frühes Handeln können Muskelkraft und Selbstständigkeit lange erhalten oder teilweise zurückbringen. Entscheidend ist, Warnzeichen ernst zu nehmen und nicht aus Sorge vor Stürzen jede Belastung zu vermeiden. Ein medizinisch abgestimmtes Programm aus Kraft, Balance, Alltagsbewegung und passender Ernährung bietet die besten Voraussetzungen, den weiteren Abbau zu bremsen.
T.Bailey--TNT